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PESTZÜGE

IM BERNER OBERLAND

 
Schwarzer Tod - Ölbild

 

2020 zieht das Corona-Virus um die Welt. Schon im frühen Mittelalter hatten Seuchen-Epidemien Europa überzogen. Der furchtbarste all dieser Schrecken war die Pest. Ihren Hauptvernichtungszug begann diese Geisel der Menschen im 14. Jahrhundert, wonen Bewohner getötet haben. Über Kleinasien und Arabien eilte der schwarze Tod bald nach Europa. Eine ungeheure Panik bemächtigte sich der gesamten Christenheit; man glaubte, das Ende der Welt sei nahegekommen


Der schwarze Tod.
Als Erstes kamen die Gerüchte. Von einer Krankheit. Aus China stamme sie oder aus dem Orient; in Sizilien gehe sie schon um. Es folgten die Berichte aus Marseille, dann kroch sie die Rhone hoch. Einen Namen hatte sie nicht, wer von ihr sprach, nannte sie bloss die Seuche oder lateinisch «Pestis» – aber es war besser, man sprach nicht von ihr. Als Schwarzer Tod wird eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte bezeichnet, die in Europa zwischen 1346 und 1353 geschätzte 25 Millionen Todesopfer forderte. Als Ursache gilt die durch das Bakterium Yersinia pestis hervorgerufene Pest. Die Schätzung, das in jenen Zeiten 24 Millionen Menschen, also ein Drittel der Bevölkerung Europas der Pest erlegen sei, hat aufgrund der Erwähnungen in den Chroniken eine gewisse Wahrscheinlichkeit. 

Verpestete Luft.
Dann, im Jahr 1347, kam sie ins Bernerland – die Pest. Wer krank wurde, dem wuchsen Beulen an Hals, Achseln und Leisten: bis zehn Zentimeter gross, schwarz verfärbt, voller Blut und Eiter. Dazu Fieber, Schmerzen und soziale Ächtung. Die meisten starben in wenigen Tagen und viele starben allein. Eltern verliessen ihre Kinder und Kinder ihre Eltern. Die Kirche bot keine Antworten, Geistliche starben besonders oft, aber auch die Medizin war machtlos. Manche Ärzte vermuteten stinkige, «verpestete Luft» als Auslöser und entzündeten Weihrauch zum Schutz. Beim Auftreten der Pest im Frühsommer 1349 starben in der Stadt Bern täglich bis zu 60 Menschen. In der Landschaft bewirkte die Pest von 1349 eine Verringerung der Ernteerträge und Einkünfte, da zahlreiche Äcker aus Mangel an Arbeitskräften unbebaut blieben. Die Kornpreise stiegen an und verursachten eine Lebensmittelteuerung. Die während der Epidemie verwaisten Besitztümer scheinen von den Angehörigen der Pestopfer mit Vorliebe an geistliche Institutionen gestiftet worden zu sein. Da der Kirchenbesitz nicht besteuert werden durfte, sah sich der Berner Rat nach dem erneuten Auftreten der Seuche 1355 dazu veranlasst, die Vergabe von Wohnhäusern und Hofstätten an die Kirche 1356 gänzlich zu verbieten. 


Die Pest in Europa - Ausbreitung zwischen1347 und 1349

Die Pest als Strafe Gottes.
In den überlieferten Schriftquellen finden sich trotz der Tausenden von Toten während eines Seuchenzugs kaum Angaben, die den Verlauf und die Auswirkungen der Epedemien etwas ausführlicher beschrieben hätten. Die meisten Informationen enthalten die im 15. und 16. Jahrhundert niedergeschriebenen Berner Stadtchroniken, deren Verfasser die grossen Pestwellen des 15. Jahrhunderts teilweise selbst erlebten. Vor allem der Stadtarzt und Chronist Valerius Anshelm war bestrebt, das Auftreten der tödlichen Krankheit als Strafe Gottes darzustellen, die als Folge des fortschreitenden sittlichen und moralischen Zerfalls der Einwohnerschaft Berns nach den Burgunderkriegen von 1475/76 über das Gemeinwesen hereingebrochen sei. Die Ausführungen Valerius Anshelms wie seines Vorgängers des Chronisten Diebold Schilling zeigen, dass jeder Pestzug infolge von Ernteausfällen und Versorgungsproblemen jeweils von einer Lebensmittelteuerung begleitet wurde. Der Rat reagierte auf die Auswirkungen der Pest, indem er die Preise insbesondere beim Getreide durch verordnete Höchstwerte begrenzte sowie Kleriker und Laien im städtischen Herrschaftsgebiet zu Wallfahrten und Gebeten aufrief. Gleichzeitig versuchte er, die Bevölkerung in Stadt und Land zu einer besseren christlichen Lebensführung anzuhalten.

 

Hans Holbeins Totentanz

Auswahl der Holzstiche aus dem „Totentanz“ von  Hans Holbein dem Jüngere n (1497 – 1543). Holbein verdeutlichte, dass die Pest weder Stand noch Klasse kannte. Die Jahre 1524 bis 1525 gelten als die Hauptentstehungszeit für das in 40 Bildern gestaltet Werk, in denen der bekannte Formschneider Hans Lützelburger nach Holbeins Vorlagen, einen Großteil der Druckstöcke für den Lyoner Drucker Melchior Trachsel erstellt hatte.
 


      
Die Gebeyn aller Menschen   Der reich Man                        Das klein Kint                            Der Krämer

Massenwallfahrt zu den Beatushöhlen.
Nachdem das Bernerland 1411 und 1419 erneut von zwei Seuchenzügen heimgesucht worden war, kam es im Jahr 1439 zur ersten schweren Pestepidemie des 15. Jahrhunderts. Der Ausbruch der Krankheit stand gleichzeitig mit einer verstärkten Lebensmittelteuerung in Stadt und Landschaft, die durch einen ungewöhnlich späten Schneefall im März 1438 ausgelöst worden war. Der Ratsherr und Chronist Benedikt Tschachtlan berichtet, «dass zu Bern innerhalb von fünf Monaten über 1‘100 Menschen gestorben seien, wobei an einem Tag bis zu 24 Todesfälle zu beklagen waren». Der Rat sah sich kurz nach Ausbruch der Krankheit am 30. August 1439 sogar dazu genötigt, wegen der wachsenden Zahl von Todesfällen eine neue Ordnung für die Sigriste und Totengräber in die Satzungsbücher einschreiben zu lassen. Er legte die Tarife für das Läuten der Totenglocken sowie das Begraben der Verstorbenen fest, wobei er die Begräbniskosten hierarchisch nach der Grösse der zu läutenden Glocken zwischen 2 Schillingen für weniger Vermögende und einem Gulden und 18 Schillingen für Vermögende festlegte. Bern wies seine Untertanen an, allenthalben von Kirche zu Kirche Kreuzfahrten zu unternehmen. Die Ängste, die allein schon das Gerücht über das Herannahen einer neuen Pestwelle in der Bevölkerung hervorriefen, lassen sich für das Jahr 1439 für einmal etwas genauer dokumentieren: Am 15. Juli 1439 benachrichtigte der Berner Rat seine Ratskollegen in Thun, dass er in Erwartung des bevorstehenden Pestausbruchs eine Massenwallfahrt der Bürgerschaft zur Sankt Beatus Kapelle am Thunersee zu organisieren beabsichtige. Er kündigte an, «dass er am 21. Juli mit einem grossen volk nach Thun kommen werde, um von dort aus – wenn möglich mit Schiffen – am nächsten Tag zu den Beatushöhlen weiterzureisen. Er bitte deshalb die Einwohnerschaft Thuns, sich auf die Ankunft der bernischen Wallfahrer vorzubereiten, damit diese beherbergt und ausreichend verpflegt werden könnten.»


"Das Leben des heiligen bychtigers und einsidlers sant Batten"
Illustration von Urs Graf aus Basel (1511).

Die Pestzüge von 1478 bis 1493.
Zwischen 1478 und 1493 kam es zu insgesamt drei verheerenden Seuchenzügen, während denen in Bern über 2‘000 Stadtbewohner ihr Leben verloren. Die erste Krankheitswelle erfasste Bern am 25. Juli 1478. Dieser erlagen nach den Angaben Diebold Schillings neben «vil treffenlicher lüten von geistlichen und weltlichen» Stand insbesondere zahlreiche Kinder. Das Sterben dauerte insgesamt fast zwei Jahre, was den Rat dazu veranlasste, in Stadt und Landschaft zahlreiche Messen und Bussgottesdienste zu verordnen. Eines der prominentesten Opfer dieser Epidemie war der amtierende Schultheiss Adrian von Bubenberg, der im Spätsommer 1479 verstarb. Diesmal wollten die Kreuzgänge nichts fruchten, trotzdem Bern auch die Chorherren von Interlaken aufgefordert hatte, die Mutter des Erbarmens, den heiligen Sebastian (Schutzpatron gegen die
Pest, andere Seuchen sowie als Schutzpatron der Brunnen) und das ganze himmlische Heer anzurufen. Nachdem bereits im Sommer 1482 eine epidemische Krankheit etliche Tote, diesmal vor allem Frauen, und Hunderte von Kranken gefordert hatte, wurde das Bernerland im Frühling 1483 erneut von einem Seuchenzug heimgesucht. Wiederum dauerte das Sterben eineinhalb Jahre und kostete noch einmal zahlreiche Menschenleben. Diesmal waren alle Bevölkerungsschichten, ob alt oder jung, gleichermassen vom Sterben betroffen. Die weitaus heftigste Pestwelle des 15. Jahrhunderts traf Bern im Sommer und Herbst 1493. Valerius Anshelm bezifferte die Zahl der Todesopfer auf rund 1‘500 Personen, wobei allein der Kleine Rat sechs prominente Tote zu beklagen hatte.

Das grosse Sterben im 16. Jahrhundert.
Kaum war das neue Jahrhundert angebrochen, als der Würgeengel wieder umging. Die Lande kamen überhaupt nicht mehr zur Ruhe, denn die Schicksalsschläge der letzten Heimsuchung waren jeweilen nicht völlig überwunden, als die Seuche neuerdings hereinbrach. 1516 brach die Seuche am Martinstag (11. November) aus, der 350 junge Leute zum Opfer fielen. Auch 1519 trat die Pest mit aller Heftigkeit auf und 1534 suchte das grosse Sterben neuerdings das Berner Oberland, besonders Grindelwald heim, wo ihr 800 Personen erlagen. Die nächste Epidemie notiert das Landurbar vom Hasli (amtl. Verzeichnis), 602 Pesttodesfälle kamen da vor. Im Jahre darauf verlangten die Leute von Saanen aus Sicherheitsgründen von Bern den Aufschub einer Konferenz bis nach dem Sterben. 1564 erschien die Seuche neuerdings. Von einem St. Gallentag (16. Oktober) zum andern starben in Grindelwald 550 Leute, mehr als die Hälfte der Einwohner. In Bern wusste man zuletzt nicht mehr, wo die Armen und Fremden zu begraben seien. In der Stadt starben in einer Dezemberwoche allein 122 Personen, in der Landschaft waren es deren 3700. 1566 wütete der schwarze Tod mit aller Kraft. Im Thuner Amt forderte die Pest 11’988 Tote, darunter 17 Pfarrherren. Ganze Flecken im Bernbiet verödeten. Im Saanenland fielen der Krankheit in fünf Monaten über 1800 Menschen zum Opfer.


Pestleichen werden in Massengräbern verschart (England um 1550)


Pestsperren und «Attestationen».
1567 griff die Seuche neuerdings um sich, so dass in den Urkantonen, wohin sich viele Leute aus den verseuchten Orten flüchteten, die Pässe gesperrt wurden. Bis Von 1577 bis 1595 gab es wiederholt Seuchenzüge die jeweils mehrere hundert Todesopfer forderten. Die Chronisten jener Zeit sagen deutlich, dass die Pest im Oberland am schlimmsten hauste. Während dieser schlimmsten aller Pest-Epidemien sollen im ganzen Bernbiet an die 37'000 Menschen gestorben sein. Die grossen Epidemien hatten auch nach mancherlei Vorkehrungen gerufen. Es ist erstaunlich, mit wieviel praktischem Sinn man von Seiten der Behörden einschritt. Heute können uns die Tränklein, welche die Herren «Medici» zusammenbrauten, nur ein Lächeln abgewinnen und man soll sich nicht wundern, dass die Kranken damals die Annahme dieser behördlich verordneten Kraftbrühen verweigerten und selbst nicht einmal die Ärzte im Hause dulden wollten. Doch wirkten andere Massregeln, namentlich die Absperrungen. In Thun wurde die Kupfergasse durch Mauern abgesperrt, damit niemand das zum verseuchten Gebiet unbewacht hinein- oder hinausgehen konnte. Zu Wimmis wurde einst das ganze Tal durch eine Quarantänenmauer geschlossen. Die Pässe lernte man bald durch Sanitätswachen gegen aussen zu hüten. An einzelnen Orten mussten sich die Reisenden räuchern lassen, im Winter selbst unter freiem Himmel, bevor sie ihre Reise fortsetzen durften. Solche Vorsichtsmassregeln hatte man vom Mailänder Sanitätstribunal gelernt. Sobald an irgendeinem Ort die Pest auftrat, verbot diese Behörde, die an etlichen Orten in der Schweiz ihre Kommissäre hatte, den Verkehr zwischen den Orten. Das mussten die Haslitaler, wenn sie auf die italienischen Märkte reisen wollten, um ihren Käse zu verkaufen, mehrfach erfahren. 1614 wurden sie an den Grenzen zurückgewiesen, weil die Gegend keine «gesunde Luft» habe. Oft blieb die Sperre, nachdem die Seuchen längst erloschen waren, noch immer verhängt. Mit «Attestationen», ausgestellt von den Obrigkeitlichen Behörden, über das Vorhandensein gesunder Luft am Abgangsort versuchte man die Einreisesperren zu umgehen.



Contagion.
1611 ging das Sterben wieder im Oberland um. Es wütete in Thun und Strättligen. Man nannte es das «Contagion» (engl. = Ansteckung) oder die piemontesische Grippe. Sie kehrte alle paar Jahre wieder und forderte grosse Opferzahlen. So 1626 in Saanen wo 400 meist jüngere Personen starben. 1628 raffte die Contagion in Bern 2492 Menschen dahin, wovon 40 Mitglieder des Stadtrates. 1629, die Seuchenwelle war gerade vorüber, beklagte sich der Landamann im Haslital, «Wallis sperre ihnen noch immer den Pass, selbst wenn seine Leute mit Polleten (den Attesten über die gesunde Luft) versehen seien, was besonders dem Spittler an der Grimsel zur Unmöglichkeit werde, weil dort der ganze Verkehr ins Stocken gerate, die Passgänger nicht vorwärts könnten, und oft mit Hin-und herreisenden tage- und wochenlang aufgehalten würden.» Bern ging gegenüber dem Wallis über die Sperre darauf ein, wollte es aber die Reisenden auf weitere Distanzen (Besucher der Märkte in Italien) von der Massregel ausgenommen wissen.1632 wütete die Pestilenz im Haslital, wo 1250 Personen der Seuche wegen verstarben. 1637/38 in der Landvogtei Interlaken und forderte ihre Opfer, darunter. Das ehemalige Kloster wurde jetzt als Hospital genutzt. Der Landvogt von Interlaken vermerkte in seinen Briefwechseln mit dem Schultheissen zu Bern heisst es: «Die Contagion grassiert vor den Pforten unseres Landes, worüber leidige Nachricht zu uns kommt. Landammann und Rat zu Unterwalden, wenden sich an den Schreiber, ihn auffordernd, niemand passieren zu lassen, er sei denn mit dem Pass-Zedul versehen, dass er in einem gefundenen Ort wenigstens sechs Wochen wohnhaft gewesen. Sie werden bei Schiffleuten und auf dem Brünig und anderswo. das gleiche besorgen lassen, dass niemand unser Land durchpassieren könne, er sei den mit einem solchen Zettel versehen.»
 

«Du bisch e tumma Tschöör».
gebräulich.«Du bisch e tumma Tschöör»er bis zum neunten Brachmonat (Juni) in Quarantäne verblieb. Noch heute ist im regionalen Wortschatz die Redewendung fortzukommen. Nach siebenundzwanzig Tagen Aufenthalt in Grindelwald begab sich Tscheer ausser Tal. Ende April bezog er nach Weisung des Landvogts mit einem Diener ein leerstehendes Haus in Saxeten, wo «von solchen undankbaren, groben und unverstendigen Lüten» Er wünsche, «dass die medicamente by vielen gar schlechte Würkungen haben. Sie sind ihnen ein Ekel und wird Herr Tscherr, der sonsten vil ussgestanden und due grosse Müh und Arbeit angewandt, von vielen desswegen zwerch (schräg) angesehen.». Aber zehn Tage später musste Pfarrer Johannes Erb dem Landvogt melden «…fingen allbereits an, einandern zu meiden und auch Mittel zu gebrauchen» 1668 war im Berner Oberland ein schlimmes Pestjahr. Die Obrigkeit zu Bern und die Landvögte waren sich der grossen Gefahr der Verbreitung durchaus bewusst. Mit verschiedenen Anordnungen versuchten sie die Ansteckungen einzudämmen. In Grindelwald wirkte der Chirurg Tscherr. Landvogt Steck in Interlaken versorgte ihn und seine Helfer für die schwierige Aufgabe mit Medizin, Speis und Trank. Doch die väterliche Fürsorge der Regierung in Bern war umsonst. Die Talleute glaubten den Anordnungen des Arztes nicht und verweigerten auch die verabreichten Arzneimittel. Am 15. April schien dann den vereinten Bemühungen ein gewisser Erfolg beschieden. Die Leute «…fingen allbereits an, einandern zu meiden und auch Mittel zu gebrauchen». Aber zehn Tage später musste Pfarrer Johannes Erb dem Landvogt melden «dass die medicamente by vielen gar schlechte Würkungen haben. Sie sind ihnen ein Ekel und wird Herr Tscherr, der sonsten vil ussgestanden und due grosse Müh und Arbeit angewandt, von vielen desswegen zwerch (schräg) angesehen.» Er wünsche, «von solchen undankbaren, groben und unverstendigen Lüten» fortzukommen. Nach siebenundzwanzig Tagen Aufenthalt in Grindelwald begab sich Tscheer ausser Tal. Ende April bezog er nach Weisung des Landvogts mit einem Diener ein leerstehendes Haus in Saxeten, wo er bis zum neunten Brachmonat (Juni) in Quarantäne verblieb. Noch heute ist im regionalen Wortschatz die Redewendung «Du bisch e tumma Tschöör» gebräulich.
 

Bei solchen Zuständen vermerkte ein Schreiber, «…hätte Bern alle Ursache, die Leute nach ihrem eintönigen Kopf fahren zu lassen; da sie aber nicht einzig, sondern auch die übrigen Landschaften bedrohe, soll mit den Medikamenten, aber nur mit den geringeren, nicht den köstlichen, fortgefahren werden.» Der Landvogt wurde zudem beauftragt in der Enge gegen das Hasli und gegen Lauterbrunnen Wachen zu stellen, damit niemand weder hinein noch hinaus gelassen werde. Der Landvogt in Interlaken bat Bern den Stadtmedicus Vessban um Hilfe. «Bern solle einen Chirurgus, deren es doch dort genug habe, Befehl zu geben der Kranken fleissig abzuwarten. Der Medicus würde die die Kranken morgens und abends besuchen können und ihnen die Medicament nach der Instruktion applizieren.» Die Totengräber wurden aufgefordert sich still zu halten und nicht mehr unter das Volk zu mischen. Die Zufuhr der Lebensmittel war auch organisiert worden: Ein Säumer wurde um billigen Lohn beauftragt Korn, Mehl oder Brot an die Talgrenze zu bringen, von wo sie von den Talbewohner abgeholt wurden.Am 12. Mai schrieb der Landvogt an Bern «Die Leute fallen dahin, wie die Blätter. Es ruhen bereits die 550 Personen in Gott. Über 80 Ehen sind durch den Tod geschieden. Das Vieh weidet ohne Wartung in den Matten. Das Herumlaufen so vieler vaterloser Kinder ist erbärmlich anzusehen; ihr Weinen markerschütternd». Der Statthalter wurde angewiesen, die Waisenvögte zu vermehren und den Waisen aus den Gemeindemitteln zu helfen. Er hat auch eine ganze Anzahl elternloser Kinder in sein Haus aufgenommen. Ihm selbst sind an Kindern und Kindeskindern 16 gestorben. Am 30. Juni 1668 schrieb der Grindelwalder Pfarrer Johannes Erb an den Landvogt: «Durch Gottes Gnad ist die Pest am abnehmen, also dass man statt 15-24 Personen täglich nur noch zwei oder drei begraben muss, und zwar beinahe alles Kinder. Mein Söhnlein ist nach dreitägiger Krankheit ebenfalls sanft in Gott entschlafen».
 


«Mixtura specerium». Oft sind auch die Ärzte selbst angesteckt und dahingerafft worden. Das Hasli wurde trotz der aufgestellten Pestwachen nicht verschont. 1160 Personen sind der Seuche von 1668 erlegen. Der Prädikant von Hasli, Jakob Wyss, richtet ein Schreiben an den Landvogt von Interlaken, besagend, «dass laut Gottes Verhängnis im Hasli innert drei Wochen bei 126 Personen an der Pest verblichen, innert welcher Zeit täglich vier bis sechs Personen zu begraben waren. Immerhin sei die Seuche nicht so gar giftig, indem etliche Personen, die davon befallen, wieder davongekommen seien. Auch nehmen die Patienten die ihnen vom Prädikanten verabreichten Mittel mit Vertrauen und Glauben gutwillig ein. Nun aber gehen die Medikamente, welche von ihnen stündlich begehrt werden, auf die Neige. Das Land ist auch von den Doktoren und Apotheken zu weit entlegen. Der Prädikant bittet daher um rasche Übermittelung der «Mixtura specerium», welche aus dem Landsäckel bezahlt werden solle, falls es die Gnädigen Herren sie nicht übernehmen würden». Heilkundige schwörten die Bevölkerung zum Einnehmen von naturheilenden Mixturen auf. Die beste Prophylaxis war allerdings: «fuge, recede, redi!» Fliehe, weiche, kehre zurück. Was auch viele reiche Bürger, sobald der erste Pestfall gemeldet wurde, taten. Die weniger vermögenden versuchten sich – wie bereits erwähnt – mit allerhand Vorsorgemitteln zu schützen. Vor der Ansteckung suchte man sich durch Ausräuchern der Wohnungen mit «Reckholderbeeren» (Wacholder), Eichenlaub, Birkenrinde oder Kienholz zu schützen. An Fenster und Türen wurden Büschel von Schafgarben aufgehängt. Man genoss Reckholder- oder Holundermus, Holunderessig, auch Knoblauch mit Salz. Breitwegerichkraut wurde in Säcklein auf der Brust und unter den Armen getragen. Den Kranken wurden Schweisstreibende Mittel verabreicht, nämlich Theriak, Mithridat, Latwergen von Wasserknoblauch und Pulver der Baldrianwurzel. Das Mithriat war womöglich eine noch tollere Mischung, die den Namen des Königs Mithriades Eupator von Pontus trug. Die Wanderkrämer boten die Mittel in Versform an:
«Bibernälle sollst du han
Wolltest du dem Tod entgan».
oder:
Bruchit Astränza (Blutwurz) u Pimpernäll
So stärben die Kranken nicht so schnäll».

Tribunale della sanita.
Der Seuchenzug von 1668/69 verschonte kaum eine Gemeinde im Berner Oberland. In Adelboden grassierte die Pest und nahm bei 550 Personen hinweg, zu Aeschi und im Frutigland 1300, und im anderen Oberland noch viel mehr, bei 4000 Personen. Das katastropale Ereignis hatte aber auch noch lange seine Auswirkung auf Handel und Wandel. Die Wochenmärkte waren noch bis 1670 gänzlich eingestellt. Der Verkehr nach ausserhalb war gehemmt. Die Leute vom Hasli wollten sich nach dem Abklingen der Pest über den Susten zu den Bellenzer Märkten begeben. In Uri wurden sie aber zurückgewiesen, weil das «Tribunale della sanita» in Mailand solches nicht zulassen wollte. 1752 wurde die Gegend dann nochmal von einer Seuche heimgesucht. Von Pfarrhaus an der Lenk verbreitete sie sich talwärts. Allerdings war aber die Vorsorge inzwischen derart verbessert worden, dass es gelang, die Seuche rasch wieder einzudämmen.

Der Doctor Schnabel von Rom, ca. 1656. Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst.
Die Kleidung eines Pestdoktors bestand aus einem als Schutzanzug dienenden gewachsten Stoffmantel, einer Schnabelmaske mit zwei Augenöffnungen aus Glas, Handschuhen und einem Stab. So konnte Kontakt zu den Infizierten vermieden werden. Der Schnabel der Maske war gefüllt mit Duftstoffen wie Wacholder, Amber, Zitronenmelisse, Grüner Minze, Kampfer, Gewürznelken, Myrrhe, Rosen oder Styrax. Man glaubte, dies würde vor der Pest schützen. Schnabelmasken sind allerdings nur aus Italien und Frankreich belegt. Vor allem durch einige Drucke und Stiche wurde ihre Erscheinung populär und im öffentlichen Bewusstsein mit dem Bild des Pestarztes assoziiert. Später waren diese Masken auch ein prägendes Element des Venezianischen Karnevals.

Feuerstättenzählungen.
Das Bernerland erlebte während der Seuchenzeiten einen markanten Rückgang seiner Einwohnerzahlen. Anhand der vier aus dem 15. und 16. Jahrhundert überlieferten Feuerstättenzählungen (Zählung der Haushalte) lässt sich zeigen, dass die Bevölkerung in den Jahren 1416 bis 1453 um rund 20 Prozent und bis 1499 um weitere zehn Prozent abnahm. Das öffentliche Leben brach vielerorts zusammen, der Pest folgten Hunger und Elend. Wer überlebte, fand sich in einer Welt voller Lücken wieder. Manche Bauernhöfe waren verlassen, manche Weiler aufgegeben, manche Klöster leer. Das eröffnete auch überraschende Chancen: Auf dem Land konnten es arme Schlucker plötzlich zu einem Hof bringen und die Städte verliehen das begehrte Bürgerrecht nun freizügig. Auch die Familien flickten ihre Lücken – mancherorts wurden im Jahr nach der Pest viermal so viele Ehen geschlossen wie sonst. Bis sich die Gesellschaft allerdings ganz von der Epidemie erholt hatte, dauerte es Jahrzehnte und die Pest wütete in Europa noch bis ins 18. Jahrhundert.
André Dähler

 

SEUCHEN IN DER NEUZEIT

Viren ziehen um die Welt

Hygienevorschriften nützen wenig, Quarantänen kommen zu spät, die Mediziner sind ratlos – und bald gerät die ganze Wirtschaft in Schieflage: Fabriken schliessen, weil die Arbeiter im Bett liegen. Detailhändler melden, dass ein Drittel der Umsätze wegbrechen. Bars sind zu, Konzerte abgesagt. Reihenweise stürzen kleinere Unternehmen in den Bankrott. Man hat es schon erlebt.

Die Spanischen Grippe, die 1918 auftauchte und weltweit wohl bis zu 50 Millionen Menschen tötete – die Schweiz beklagte rund 25'000 Todesopfer. In allen Schweizer Kantonen, ausgenommen dem Tessin, fielen der Krankheit mehr Männer als Frauen zum Opfer. Vermutlich, weil die Männer in Militärunterkünften und Bunkern in engerem Kontakt miteinander waren. 60 Prozent der Todesopfer waren zwischen 20 und 40 Jahre alt, und ausserhalb der Städte war die Sterblichkeit höher. Der Tod konnte die Menschen innert Stunden ereilen: Oft bluteten die Opfer plötzlich aus der Nase oder aus dem Mund. Um eine Ansteckung zu vermeiden, mussten die Toten sofort begraben werden. Quarantänen, Sperren, Einnahmenverluste, Firmenschliessungen: Die mächtige Maschine namens Kapitalismus benötigte bloss ein paar Monate, um die Dellen wieder auszubügeln. Zwei Jahre später war die Spanische Grippe vom Erdboden verschwunden, und was danach kam, ist bis heute als "Roaring Twenties" in Erinnerung geblieben.

SARS Das «Schwere Akute Respiratorische Syndrom - SARS ist eine Infektionskrankheit, die erstmals im November 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong beobachtet wurde. Das klinische Bild entspricht einer atypischen Lungenentzündung (Pneumonie). Der Erreger von SARS war ein bis dahin unbekanntes Coronavirus, das man mittlerweile als SARS-assoziiertes Coronavirus (SARS-CoV) bezeichnet. Der erste größere Ausbruch der Krankheit war bisher die Pandemie 2002/2003 mit etwa tausend Todesopfern.

Schweinegrippe. Im Juni 2009 bis August 2010 wurden die wachsenden und anhaltenden Virus-Übertragungen von Mensch zu Mensch von der WHO als Pandemie eingestuft. Die Erkrankung wurde umgangssprachlich häufig als Schweinegrippe, von offiziellen Stellen eher als Neue Grippe bezeichnet. Während der Pandemiephase waren in Labors von insgesamt 214 Staaten Fälle von Infektionen bestätigt worden. Bei 18‘449 Todesfällen wird von einem Zusammenhang mit der Schweinegrippe ausgegangen.

André Dähler


 

    

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